Akademie der Lesenden Künste

Donnerstag, 17. Juli 2014 - 14:00


Gut Holzhausen − Gutshof 1 − 33039 Nieheim


4. Meisterklasse ‹Brod und Wein› - Friedrich Hölderlin


Es ist ein Fest, gemeinsam Hölderlin zu lesen, insbesondere, wenn man sich dieser großen Elegie zuwendet. Sie wirkt wie eine Zusammenfassung seines Werks. Sie zu durchdringen ist eine gute Herausforderung. Die erste der neun Strophen erschien in einem ‹Musenalmanach für das Jahr 1807› unter dem Titel ‹Die Nacht›. Aus dieser gewöhnlichen, großartig heraufbeschworenen Nacht kommt man lesend in Zusammenhänge von Mythologie, Religion und Geschichte und vielleicht auch in die der Biographie des Dichters. Die Widmung des Gedichts ‹an Heintze› stellt einen regionalen Bezug her - Bad Driburg ist nah, wo Hölderlin, seine Diotima und eben Wilhelm Heinse sich im Herbst 1796 gemeinsam aufhielten. Der Vorteil beim Lesen Hölderlins ist, daß ihm als Handwerker unbedingt zu vertrauen ist. Das antike Versmaß der Elegie, für unseren Sprachraum erklingt es hier auf höchstem Niveau. Wir halten uns auf. Wir gehen ins Detail, lesend, das heißt forschend auf dem Gebiet von Maß und Klang und Metrum. Wo die Betonung ‹schwebt›, waltet kein Zufall. Wo wir Widerstand empfinden, ‹stolpern›, hat der Dichter es beabsichtigt. Das Verstehen folgt dem unmittelbar. Wo und wie er seine Meisterschaft gewann, führt unweigerlich in die Aneignung antiker Dichtung und damit zu Pindar, Klopstock und anderen. Meister wie Rilke und Trakl stellten sich seinem Erbe. Lesen, Stimmen und Stimmungen bewußt zu hören, geht darauf aus, Maßstäbe zu gewinnen, wiederzugewinnen oder zu behaupten. Gelingt es, lesen wir auch andere Gedichte danach anders. Der Schriftsteller Uwe Kolbe leitet die Meisterklasse, an der sich Mike Svoboda, Posaune, mit Konzerten und Improvisationen, und der Schauspieler Robert Hunger-Bühler mit Lesungen und Interventionen beteiligen.




Künstler


Uwe Kolbe ist Lyriker, Erzähler und Essayist. Vermittelt durch seinen Mentor Franz Fühmann, veröffentlichte er 1976 erste Gedichte in ‹Sinn und Form›. Sein erster Gedichtband ‹Hineingeboren› erschien 1980 im Aufbau Verlag, inzwischen liegt ein Werk von über 20 Bänden vor, zuletzt erschien der Roman ‹Die Lüge› und der Gedichtband ‹Lietzenlieder›. In seiner Dichtung und den Erzählungen spürt Uwe Kolbe mit großer Intensität dem geschichtlichen Prozeß und der eigenen Identität nach. Was ist der Stoff des Lebens? Wo haben die Erfahrungen, Kontinuitäten und Brüche ihren Grund? Wo verstellen (Selbst-) Täuschungen die klare Sicht auf die Wirklichkeit? Auf dem Feld der Sprache wagt er sich weit vor und beweist immer wieder, daß er ein großer Kenner poetischer Traditionen und ein souveräner Sprachgestalter ist. Seit 2007 wurde er mehrfach als ‹poet in residence› in die USA eingeladen. Für seine Arbeit wurde er u. a. mit dem Stipendium der Villa Massimo, dem Hölderlin-Preis, dem Preis der Literaturhäuser und zuletzt 2012 mit dem Heinrich-Mann-Preis und dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet.

Robert Hunger-Bühler studierte Schauspiel in Zürich sowie Theater und Philosophie in Wien, dort versuchte er, den Malern einer Meisterklasse von Bazon Brock das Hölderlin-Sprechen beizubringen. Danach arbeitete er als Schauspieler und Regisseur an Bühnen in Wien, Bonn, Düsseldorf und Freiburg. Weitere Stationen waren die Freie Volksbühne Berlin, die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die Schaubühne am Lehniner Platz, das Berliner Ensemble und das Burgtheater Wien. Heute ist er Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich. Er arbeitete unter anderen mit den Regisseuren Jossi Wieler, Jürgen Kruse, Frank Castorf, Andrea Breth, Claus Peymann, Luc Bondy, Barbara Frey, Stefan Pucher, Johan Simons, Klaus Michael Grüber und Christoph Marthaler. In Peter Steins legendärer Faust'-Inszenierung spielte Robert Hunger-Bühler den Mephisto.

Der Posaunist Mike Svoboda ist in allen Bereichen der Moderne zu Hause. Er ist ein Grenzgänger zwischen Klassik, Jazz, Funk, Rock und mehr. Er hat mit Komponisten wie Karlheinz Stockhausen und Frank Zappa zusammengearbeitet und brachte in den vergangenen 20 Jahren mehr als 400 Werke zur Uraufführung. Daneben hat er eine Reihe eigener Projekte entwickelt, darunter ‹Clara, Robert und Johannes - Fantasie über ein romantisches Dreieck›, ‹14 Versuche Wagner lieben zu lernen› und ‹My God Mozart!›. Als Komponist und Interpret überwindet er immer wieder die vermeintlichen Grenzen zwischen E- und U-Musik, baut durch die Anwendung unterschiedlichster Musikstile und durch oftmals unerwartete Verbindungen zwischen Traditionellem und Zeitgenössischem dem Zuhörer neue Brücken zur Musik. Mike Svoboda ist Professor für Posaune und zeitgenössische Kammermusik an der Hochschule für Musik Basel.




Information


Die Akademie der Lesenden Künste ist keine Gelehrtengesellschaft. Vielmehr ist sie eine Gesellschaft all derer, deren Interesse besonders dem Unbedeutenderen gilt, also der literarischen Sprache. Adalbert Stifter beginnt seine Vorrede zu den Bunten Steinen so: ‹Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien. Wenn das wahr ist, bin ich heute in der Lage, den Lesern ein noch Kleineres und Unbedeutenderes anzubieten.› Nur in diesem Zusammenhang wird verständlich, warum die Akademie der Lesenden Künste Meisterklassen anbietet. Meister ist nicht der magnus, der Oberste und Größte, der Direktor, Lenker und Lehrer. Zudem ist in einer Meisterklasse nicht einer der Meister, die Größe entsteht durch die Zusammenarbeit und durch die Ziellosigkeit und im Zwischenraum.

Vom 17. Juli, 14 Uhr, bis einschließlich 20. Juli, 14 Uhr, finden auf dem Gut Holzhausen Lese- und Textarbeit, Konzerte und Lesungen statt. Musikpavillon, Kornboden, Landhaus, Innenhof und Plätze unter Bäumen und im Park bieten ideale Gesprächs- und Arbeitsbedingungen. Anmeldeschluß ist der 1. Juli 2014. Die Teilnehmerzahl ist auf maximal 40 Teilnehmer begrenzt. Kosten für die Teilnahme an der Akademie der Lesenden Künste einschließlich Speisen und Getränke 200 €, Übernachtung - wenn gewünscht - 150 €. Schüler und Studenten können formlos ein Stipendium beantragen, das sämtliche Teilnahme- und Aufenthaltskosten deckt. Gründungsmitglieder der Akademie: Peter Waterhouse, Brigitte Labs-Ehlert, Hans Jürgen Balmes, Ulrike Draesner, Uwe Kolbe und Barbara Nüsse.