Mut und Widerstand

‹ÜBER DIE PFLICHT ZUM UNGEHORSAM GEGEN DEN STAAT› heißt der Essay, den Henry David Thoreau schrieb, weil er inhaftiert wurde, als er sich weigerte, seine Steuern einem Staat zu zahlen, der die Sklaverei unterstutzt. ‹Friede den Hütten! Krieg den Palästen!›, schrieb Georg Büchner in seiner berühmten Revolutionsschrift ‹Der Hessische Landbote› aus dem Jahre 1834. Büchner musste um sein Leben fürchten, als er den Aufruf zum Widerstand der Bauern gegenüber ihren Landherren verfasste, und floh ins Straßburger Exil. Dmitri Schostakowitsch, über dessen Arbeit Stalin urteilte, sie sei ‹Chaos statt Musik› und ‹volksfremd›, ging aus Angst vor Stalins ‹Säuberungen› ins innere Exil und formulierte seinen Widerstand gegen die Politik der frühen Sowjetunion allein in seinen Kompositionen. Marieluise Fleißer konnte erst zur Schriftstellerin werden als sie sich in einem großen Kraftakt von ihrem autoritären Mentor Bertolt Brecht löste und ihn von sich stieß. Der lippische Autor Georg Weerth schrieb 1848 mit ‹Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski› eine böse Satire auf den Adel des 19. Jahrhunderts; ihm wurden daraufhin für fünf Jahre seine Bürgerrechte entzogen und er wurde zu drei Monaten Haft verurteilt. Der Widerstand gegen den Stärkeren und gegen das Unrecht ist seit jeher eine Triebfeder für Künstlerinnen und Künstler. Wie die eingangs Erwähnten scheuen sie oft keine Konsequenzen und fühlen sich verpflichtet, durch ihr Schaffen an der Beseitigung eines Unrechts mitzuwirken.

Mit den Jahren 1848, 1918 und 1968 runden sich, neben Karl Marx’ 200. Geburtstag, drei große deutsche Revolutionsereignisse, die das diesjährige Motto ‹Mut und Widerstand› inspirierten, und dessen Spuren im Programm des Literatur- und Musikfestes zu finden sind.

Der Blick geht jedoch nicht nur zurück, sondern ist auch auf die Gegenwart gerichtet, die ebenso wie die Vergangenheit des widerständigen und mutigen Handelns bedarf. ‹Wege durch das Land› ist an den schönen Künsten genauso interessiert wie an einer Haltung gegenüber der Welt. Eine Haltung, die zuallererst der Freiheit der Kunst gilt, an deren aufrührerische Kraft wir glauben.

Es geht uns dabei nicht darum, ein politisches Festival zu machen, sondern darum, ein Festival politisch zu machen! Wie können wir unsere Solidarität denen zeigen, die ihre Meinung nicht frei äußern können? Wie weit müssen wir bereit sein zu gehen, um unsere Werte zu verteidigen? Was ist zu tun, wenn der technische Fortschritt nicht den Menschen, sondern den Konzernen gilt? Immer wieder wird unser Festivalprogramm Fragen wie diese stellen und versuchen, ihnen diskursiv und durch künstlerische Auseinandersetzung näherzukommen.

‹Mut und Widerstand› ist aber auch ein Motor der Kunstproduktion. Der Mut, ein Leben als Künstler zu wagen, sich gegebenenfalls seiner Familie und seiner Umgebung entgegenzustellen, sich auch innerhalb seines Werkes zu widersprechen, Widerspruch und Widerstand zuzulassen, den Mut zu haben, seine Gefühle durch die Kunst öffentlich zu machen, angreifbar zu sein und bereit zu sein, selbst anzugreifen – all das gehört zum Leben der Musiker, Autoren und Schauspieler, die unsere Gäste sein werden.

Das Literatur- und Musikfest lädt Sie herzlich ein, sich gemeinsam mit unseren Künstlerinnen und Künstlern dem Thema ‹Mut und Widerstand› auf die unterschiedlichsten Weisen zu nähern. Wir freuen uns zusammen mit unserem Team, Sie bei ‹Wege durch das Land› 2018 begrüßen zu dürfen.

Programmheft

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Wege durch das Land – Ein Geschenk

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